Kultur

Kolumne / Die Sache mit dem Alter(n)

Ich steige die Sprossen der Leiter hinauf und recke meinen Körper der Gardinenstange entgegen. Die Vorhänge sollten noch einmal gewaschen werden, bevor ich sie beim Schneider zum Kürzen abgeben kann. Und genau dort oben, zwischen Zimmerdecke und staubiger Gardine, kommt mir ein Gedanke.

Woran merkt man, dass man erwachsen(er) geworden ist? Vielleicht daran, dass man samstags in den Baumarkt fährt, um sich eine Leiter zu kaufen, mittels derer man Zuhause seine Vorhänge zum Waschen abnehmen kann. Klingt schlüssig. Und damit nicht genug. Als ich mir dieses Umstands samt seiner Gewichtigkeit bewusst werde, fallen mir weitere Beispiele ein, die unumstritten davon Zeugnis ablegen, dass ich nicht nur älter, sondern ganz offensichtlich erwachsen(er) geworden bin.

Mit Freunden trifft man sich nicht mehr so leicht spontan auf ein Bier oder Glas Wein. Soziale Kontakte wollen zwar gepflegt werden, aber nicht ohne Planung von langer Hand. Zu umfassend und omnipräsent sind alltägliche Verpflichtungen geworden und die „freie“ Zeit ziemlich durchgetaktet.

„Wie sieht es bei Dir kommende Woche aus?“
„Nee, nächste Woche ist leider schlecht. Was ist mit der Woche darauf?“
„Da ist’s bei mir ganz eng…“ Puh!

Was uns direkt zum nächsten Punkt bringt. Nämlich dem Ausgehen an und für sich. Das waren noch Zeiten, als man ohne Umschweife das ganze Wochenende um die Häuser zog und ohne Schwierigkeiten jeder alkoholischen Mixtur die Stirn bot. Vorbei. Und heute? „Sollen wir ausgehen oder lieber gemütlich die Beine hochlegen?“ Ich kann nicht sagen, wie oft ich schon der Theke die Couch vorgezogen habe. Hauptsächlich aus Angst vor dem drohenden Kater. Jawohl. Denn der ist schon seit Längerem bedauerlicherweise eine ziemlich ernsthafte Liaison mit der durchzechten Nacht an und für sich eingegangen. Und in diesem Leben trennen sich diese beiden wohl nicht mehr. Zumindest nicht in meinem. Auch wenn sich ihre Wege kurzzeitig trennen, sind sie am Ende des Tages wie Elisabeth Taylor und Richard Burton. Sie finden, trotz temporärer Trennung, immer wieder zusammen. Und dann geht bei mir nichts mehr, außer mit Tiefkühlpizza und Fanta ab auf die Couch Tierdokus gucken. Wenn ich freitags Abend feuchtfröhlich unterwegs war, fange ich frühestens Sonnntagmittag an, mich zu erholen. Und da die freie Zeit am Wochenende immer kostbarer wird, muss hart abgewogen werden.

Was uns wiederum zum nächsten Punkt bringt. Nämlich der Sache mit dem Sofa aka finanzielle Investitionen. Man gibt sein Geld nun nicht mehr für Interrail-Reisen aus, sondern investiert in große Möbelstücke. Seit mehreren Wochen warte ich schon auf mein neues Sofa, bzw. auf UNSER Sofa. Ja, genau. Denn das ist ein weiterer Punkt. Man fängt „plötzlich“ an, gemeinsam Geld auszugeben. Viele von Euch mögen sich jetzt an den Kopf fassen und dies als Firlefanz abtun, und ich möchte hier unbedingt keinen falsches Eindruck erwecken. Ich finde das grundsätzlich großartig. Aber ein neuer wesentlicher Schritt, der hier Erwähnung finden soll, ist und bleibt es trotzdem.

Es ist nur allzu verständlich, dass es bei dieser Thematik zwangsläufig zur Irritation kommt, wenn zwar äußerlich diese Veränderungen stattfinden und diese auch aufrichtig gelebt werden. Man aber innerlich gefühlt im Alter von 25 Jahren stehen geblieben ist. Ganz nach dem Motto: Hier wird gestreikt. Entwicklung bis auf Weiteres eingestellt. Wir fordern bessere Konditionen, sonst tut sich hier gar nichts.

Doch trotz all dieser Vorkommnisse und vermeintlichen Differenzen zwischen äußerer und innerer Wahrnehmung stellt sich die Frage: Ist es denn sooo schlimm, älter zu werden? Ist nicht immer die beste Zeit, die wir haben, genau JETZT? Mit all ihren Eigenheiten und vielleicht auch ungewohnten Merkwürdigkeiten? Sicherlich wird es immer und immer wieder passieren, dass man schwermütig und ein Stück weit melancholisch wird, wenn man in den Erinnerungen der vergangenen Zeiten schwelgt. Aber das gehört genauso dazu, wie das Weitergehen. Ich muss nicht mehr jedes Wochenende auf die Rolle gehen. Gott sei Dank. Wichtig ist, dass man nicht aufhört, sich mit seinen Freunden zu treffen. So oft es eben geht. Und wenn es nur einmal im Monat klappt. Es ist nur allzu natürlich und gleichzeitig großartig, dass sich das Leben stetig entwickelt, dass es einem immer neue Herausforderungen stellt. Und das es immer weiter geht.

Zudem hat das Älterwerden unschlagbarer Vorteile. Man wird gelassener und nimmt viele Dinge nicht mehr unnötig wichtig. Denn, wenn es eines gibt, was ich im Laufe der Zeit kapiert habe, dann das: Es geht nicht darum, die Dinge auf Teufel komm raus (ver)ändern zu wollen, sondern sie so zu akzeptieren, wie sie sind. Auch das Alter(n).

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2 Gedanken zu “Kolumne / Die Sache mit dem Alter(n)

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