Kultur, Lesen

Lesetipp / "Angezogen" von Barbara Vinken

Museumsbauer sind ganz schön ausgebuffte Schlingel. Das ist bekannt. Denn wie so häufig führte mich mein Weg nach dem Besuch einer Ausstellung, in diesem Fall der Schau Mario Testino: In Your Face in Berlin, direkt durch den Museumsshop. Und wenn man schon mal da ist, kann man natürlich auch ein kleines Ründchen drehen. Aber sicher. Der Zufall wollte es dann natürlich so, dass ich beim Stöbern über das Buch Angezogen von Barbara Vinken stolperte, welches kurzum eingetütet wurde. Schließlich geht es dabei um Mode. Genauer gesagt, um die Kulturgeschichte der Mode. Die Literaturwissenschaftlerin aus München versteht es, die Sprache der Mode zu dechiffrieren und zeigt, dass dieses oft als oberflächlich verschriene Phänomen Tiefgang besitzt.

Dass ich ein Buch mit dem Bleistift in der Hand gelesen habe, um wichtige Stellen unterstreichen oder gegebenenfalls Randnotizen machen zu können, ist ne ganze Weile her. Da bin ich vermutlich noch zur Uni gegangen. Aber das ist ein anderes Thema. Was ich damit sagen will ist, dass Barbara Vinken in ihrem Buch viele lehrreiche Sätze formuliert, die man sich unbedingt merken möchte, da sie Aufschluss über das eigene Modeverhalten geben, welches man im (Mode)Alltag als gegeben annimmt und nicht weiter hinterfragt. Die Professorin mit Lehrstuhl an der Uni München stellt diese Fragen und geht ihnen fundiert auf den Grund. Warum zeigt die Frau von heute so viel Bein? Und warum tragen Frauen gerne hohe Absätze?

Absätze waren ursprünglich Männersache. Sie kommen aus der persischen Kriegsmode und hatten einen ausschließlich funktionalen Sinn. Diese gewährleisteten nämlich, dass der Krieger hoch zu Ross auch dann einen sicheren Stand im Steigbügel hatte, wenn er reitender Weise mit Pfeil und Bogen schießen musste. Von dort aus sind die Absätze an den französischen Hof gewandert, wo sie nach wie vor den Herren der Schöpfung vorbehalten waren. Mit roter Sohle übrigens. Wie heute die berühmten und all zu oft angeschmachteten Louboutins. Und bis dato waren es auch die Männer, die viel Bein zeigten und Strumpfhosen trugen. „Extravagante Kleidung, die ins Auge sticht, war Zeichen von Macht und Privileg.“ Weibliche Mode zeichnete sich durch Schamhaftigkeit aus. Sie sollte den Körper verschleiern und verstecken.

Im Zuge der Französischen Revolution wurde die Mode der Männer dann immer funktionaler. Sie war nicht mehr vordergründig Ausdruck von Individualität, sondern sollte vielmehr zur Eingliederung ins Kollektiv dienen. Und das tut sie bis heute. Stichwort: Anzug. Mode wurde somit zunehmend zum Frauenthema. Ja es geht mittlerweile soweit, dass das Modische und das Weibliche Synonym geworden sind.

Heute inszenieren Frauen ihre Weiblichkeit. Sie zeigen mit Verve und Lust viel Bein, eben genau das, was sie immer verstecken mussten. Durch das Tragen von Absätze wird indirekt das ursprünglich aggressive kriegerische Moment betont und bewusst zur Schau gestellt. Denn im wahrsten Sinne des Wortes hebt es die Person hervor.

Angezogen von Barbara Vinken behandelt das Phänomen Mode tiefgründig, zeitweilig beinahe philosophisch und ist dabei durchweg lehrreich. Eine absolute Leseempfehlung. Ich werde es mit Sicherheit ein weiteres Mal tun.

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